Wenn sich Schweine beißen

Was hilft bei Kannibalismus?

DV-Konzept Mastschweine Digest-Konzept Sauen Ferkel Schweine

Kannibalismus in der Schweinehaltung ist ein kompliziertes Problem. Viele Ursachen können der Verhaltensstörung zugrunde liegen. Tritt Kannibalismus im Bestand auf, leidet das Tierwohl. Zugleich drohen Betriebsleiter*innen wirtschaftliche Einbußen. Lange Zeit galt Kupieren der Ringelschwänze als etablierte Maßnahme zur Prophylaxe. Mit Inkrafttreten des „Aktionsplan Kupierverzicht“ ist es jedoch nur noch nach Durchführung einer Risikoanalyse zulässig. Es lohnt sich daher ein Blick auf alternative Strategien. Eine Anpassung der Fütterung bietet hierbei besondere Chancen.

Unter Kannibalismus in der Schweinehaltung versteht man Verhaltensstörungen von Sauen, Ferkeln oder Mastschweinen. Tiere, die kannibalistisches Verhalten zeigen, bekauen sich gegenseitig und fügen sich schließlich Verletzungen zu. Häufig wird hierbei zwischen drei verschiedenen Ausprägungen des Kannibalismus unterschieden: Schwanzbeißen, Ohrenbeißen und Flankenbeißen.

Kannibalismus kann überraschend auftreten

Kannibalismus im Bestand bleibt oft lange Zeit unentdeckt. Wird er aber nicht umgehend erkannt, kann das nachteilige Verhalten rasch eskalieren. Schweinehalter*innen sollten ihren Bestand deshalb gut beobachten. Saugen Tiere scheinbar gezielt an Flanken, Ohren oder Schwänzen, ihrer Buchtengenossen, oder zeigen einzelne Tiere blanke, haarlose Schwänze sind dies erste, untrügliche Zeichen. Besonders jetzt ist höchste Aufmerksamkeit geboten.

Auch wenn ein erhöhtes Aufkommen in der Mast beobachtet wird, so ist die Verhaltensstörung nicht auf einzelne Haltungsabschnitte beschränkt. Zudem ist Kannibalismus nicht auf bestimmte Haltungsformen beschränkt. Die Verhaltensstörung wird in der konventionellen Haltung ebenso beobachtet wie in ökologisch-wirtschaftenden Betrieben.

Kannibalismus-Prophylaxe: mehr Tierwohl, weniger wirtschaftliche Einbußen

Kannibalismus zieht oft hohe wirtschaftliche Einbußen für Landwirt*innen nach sich. Diese setzen sich aus Tierarztkosten für die Behandlung verletzter Tiere, einer verminderten Tageszunahmen und der Gefahr möglicher Abzüge bei der Abrechnung am Schlachthof zusammen. Zudem fordert die Separation von Opfer- und Tätertieren und die Therapie betroffener Tiere zusätzlichen Zeitaufwand.

Auch unter Tierschutzaspekten gilt es das Auftreten von Kannibalismus zu vermeiden und zumindest Ausbrüche schnellstmöglich unter Kontrolle zu bekommen. Das Aufzeigen von prophylaktischen und akuten Maßnahmen ist damit von hoher Bedeutung für alle schweinehaltenden Betriebe.

Kannibalismus-Arten: Ein Problem, zwei Erscheinungsformen

Beim ,,zweistufigen“ Beißen kommt es zunächst zu einem gegenseitigen Benagen, was die Tiere zunächst als angenehm empfinden. Nach dem Auftreten erster Verletzungen beißen die Tiere jedoch immer intensiver. Die Situation kann eskalieren. Diese Art des Kannibalismus ist eine Abart des den Tieren angeborenen Erkundungs- und Spielverhalten. Dieses Verhalten wird ausgelebt, wenn den Tieren Beschäftigungsmöglichkeiten nicht in angemessenem Umfang zur Verfügung stehen.

Im Unterschied zum zweistufigen Beißen führt bei dieser Art des Kannibalismus bereits die erste Attacke zu Verletzungen. Dieses Verhalten tritt spontan und abrupt auf und wird nicht allein durch eine mangelnde Beschäftigung der Tiere hervorgerufen. Auch der Gesundheitsstatus, die Haltung, das Stallklima und die Fütterung der Tiere können ein spontanes und gewaltsames Beißen bedingen.

Schwanzbeißen bei Schweinen in der Mast (© Agrarfoto.com).

Ohrrandnekrose und Zeichen für Kannibalismus unterscheiden lernen

In einem frühen Stadium kann man Ohrrandnekrosen und kannibalismusbedingte Ohrverletzungen leicht verwechseln. Eine Unterscheidung ist jedoch leicht möglich: Während sich Ohrrandnekrosen von den Spitzen der Ohren ausgehen und sich an beiden Ohren zugleich ausbreiten, folgen Ohrverletzungen, die durch Kannibalismus entstehen, keinem erkennbaren Muster.

Ursachensuche: Kannibalismus als multifaktorielles Problem

Ein Ausbruch von Kannibalismus im Bestand ist oft multifaktoriell bedingt. Ein Patentrezept zur Problemlösung existiert nicht. Die Ursachensuche wird dadurch erschwert, dass sich der Ausbruch meist nicht eindeutig auf eine einzelne Ursache zurückführen lässt. Um das Auftreten von Kannibalismus im Bestand zu verhindern, ist eine detaillierte Betrachtung der Tiere, ihrer Haltung und Umwelt erforderlich. Nur so lassen sich mögliche Stressoren identifizieren, ausschalten und damit Kannibalismus entgegenwirken. Bei der Behandlung des Kannibalismusproblems im Bestand empfiehlt sich die systematische Befolgung der im folgenden genannten Maßnahmen.

Die Zusammensetzung der Ration bedarf besonderer Beachtung. Sie kann dabei helfen, Kannibalismus im Bestand zu vermeiden und einem akuten Ausbruch entgegenzuwirken. Die Fütterung muss eine bedarfsgerechte Versorgung der Schweine mit allen wichtigen Nähr- und Wirkstoffen (Proteinen, Energie, Mineralstoffen, Vitaminen und Spurenelementen) sicherstellen. Dies bedeutet selbstverständlich auch eine dem Haltungsabschnitt angepasste Ausstattung und Verdaulichkeit der Futtermittel sowie eine bedarfsgerechte Futtermenge und ein ausreichendes Zeitfenster für die Futteraufnahme. Das ist wichtig, da auch Mangelversorgung eine Ursache von Kannibalismus darstellt.

Auch eine ausgeglichene Darmflora ist wichtig für das Wohlbefinden der Tiere. Die Grundlage hierfür ist unter anderem ein hygienisch einwandfreies Futter bis zum Trog. Speziell bei Flüssigfütterungen ist bei Kannibalismusproblemen zwingend auch die Futterhygiene (u. a. Hefen) zu überprüfen.

Achten Sie auf eine faserreiche Fütterung mit unterschiedlich schnell fermentierbaren Faserträgern. Dies fördert die Darmtätigkeit und führt zu einem intensiven Sättigungsgefühl und damit zu zufriedeneren Tieren. Mischfutter mit einer angepassten Faserausstattung (z. B. Mastfutter des DV-Konzeptes oder Sauenfutter des digest-Konzeptes) können so aktiv zur Verringerung des Kannibalismusrisikos beitragen.

Zur Linderung akuter Probleme hat sich die zusätzliche Gabe von Mineralstoffen, Natriumchlorid, der Aminosäure Tryptophan sowie hochverdaulicher Magnesiumquellen bewährt. Diese Zusätze können beruhigend auf gestresste Schweine wirken und damit kurzfristig aggressive Verhaltensweisen reduzieren. Zur Verabreichung der Zusätze eignen sich beispielsweise Lecksteine, die neben Natriumchlorid weitere Mineralstoffe enthalten. Entsprechende Zusätze können zudem in flüssiger (z. B. INCONA Silentium) oder fester Form (z. B. Silent+) Futter und Tränkewasser beigemischt werden. Beide Produkte enthalten hoch verfügbare Magnesiumquellen. Diese reduzieren die Signalweiterleitung und wirken somit beruhigend auf das Nervensystem der Schweine. INCONA-Silentium beinhaltet zudem Tryptophan – eine Aminosäure und wichtige Vorstufe von Serotonin. Das „Glückshormon“ wirkt aggressivem Verhalten im Bestand entgegen.

Schließlich trägt Futter zur Befriedigung des Such- sowie des Wühl- und Kauverhaltens bei, hier kann ein zusätzliches Angebot von Beschäftigungsfuttern hilfreich sein.

Eine unzureichende Wasserversorgung ist ein weithin unterschätzter Risikofaktor für Kannibalismus. Erkennen Halter*innen erste Anzeichen für einen sich anbahnenden Ausbruch, sollte zunächst eine Durchflusskontrolle der Tränken erfolgen. Dabei sollte die Durchflussgeschwindigkeit (in Abhängigkeit des Lebendgewichtes der Tiere) zwischen 0,6 und 1,8 Liter pro Minute liegen. Ist die Wasseraufnahme der Schweine trotz ausreichender Durchflussraten zu gering, gilt es die Wasserqualität im Hinblick auf die hygienische Unbedenklichkeit und die Inhaltsstoffe des Wassers zu überprüfen – dies gilt vor allem bei Verwendung hofeigenen Brunnenwassers. Wasseruhren geben Aufschluss über die tatsächlich Wasseraufnahme der Tiere.

Schweine besitzen einen ausgeprägten Spiel- und Wühltrieb. Wildlebende Tiere verbringen etwa sieben Stunden am Tag damit, ihre Umwelt zu erkunden und in der Erde nach Nahrung zu suchen. Um diesen Urtrieben nachzukommen, sollten Betriebe genügend Beschäftigungsmaterial für ihre Tiere anbringen. Hierzu eignen sich beispielsweise Jutesäcke oder Seile. Alle angebotenen Materialien sollten veränder-, kau-, wühl- und fressbar sein. Dabei gilt es, die Materialien für die Schweine stets attraktiv zu halten. Betriebsleiter*innen sollten sie daher regelmäßig austauschen. Auch separat in Raufen oder Körben angebotenes Raufutter kann zur Befriedigung des Spieltriebes beitragen. Eine technisierbare Alternative stellen pelletierte Darreichungsformen dar (z. B. der deuka Raufuttermix). Durch die Pelletierung wird zudem das Auftreten von Schwimm- und Sinkschichten in der Gülle vermieden, sodass diese Darreichungsform zudem Systemverträglich ist.

Auch der allgemeine Gesundheitsstatus der Tiere spielt eine Rolle. Bestimmte Erscheinungsformen des Kannibalismus (z. B. Ohren- oder Schwanzbeißen) stehen in Zusammenhang mit Gewebsschädigungen und Nekrosen als Folge einer Infektion mit Darmbakterien wie z. B. Escherichia coli (E. coli). In deren Folge können Endotoxine die Gesundheit der Tiere belasten. Die hierdurch bedingten Stoffwechselbelastungen verschlechtern die Durchblutung und verursachen ein Absterben von Gewebe an Ohren oder Schwänzen. Nagen Artgenossen an diesen stark juckenden Stellen, empfinden betroffene Tiere dies zunächst als angenehm. Fließt erstes Blut, intensiviert dies das Beißen, und die Situation eskaliert. Hier gilt es zunächst die Ursache für die Vermehrung der Bakterien zu beseitigen, dem Futter zugesetzte Endotoxinbinder können zusätzlich das Risiko für Gewebsschädigungen und Nekrosen senken. Hierzu eignen sich bespielweise Gesteinsmehle oder die Gabe von Ferkeltorf und Wühlerden. Regelmäßige Überprüfung und Reinigungen von Fütterungstechnik und -silos beugen einer Kontamination mit Schadkeimen vor. Zudem bietet eine regelmäßige Überwachung der Tiergesundheit in enger Abstimmung mit dem*der zuständigen Tiermediziner*in Abhilfe.

Eine ungünstige Haltungsumwelt ist ein wichtiger Stressor und damit eine mögliche Ursache für Kannibalismus. Schweinhalter*innen sollten eine Überbelegung der Buchten möglichst vermeiden, da eine enge Belegdichte die Aggressivität der Tiere steigert. Orientierung zur Wahl der passenden Schweinezahl je Bucht bietet die Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung (TierSchNutztV). Auch eine Strukturierung der Buchten in klar definierte Funktionsbereiche – und damit eine Trennung von Kot- und Liegeplätzen – schafft Abhilfe. Auch das Einziehen von Trennwänden oder einem Sichtschutz schafft Ruheräume.

Hohe Schadgaskonzentrationen in der Stallluft bilden einen weiteren Risikofaktor für Kannibalismus. Akuter Handlungsbedarf besteht spätestens dann, wenn Schweinehalter*innen beim Betreten des Abteils Augenreizungen bemerken. Die richtige Einstellung der Lüftung schafft erste Abhilfe. Dabei gilt es, Zugluft in den Buchten unbedingt zu vermeiden. Diese kann den dünnen Wärmemantel der temperaturempfindlichen Tiere wegblasen und zu einer Abkühlung der Schleimhäute führen. Das sorgt für Stress und begünstigt das Auftreten aggressiven Verhaltens. Auch Temperaturschwankungen zwischen Tag und Nacht können Unruhe im Bestand bedingen und damit Kannibalismus hervorrufen. Dies ist besonders in Frühling und Herbst von Bedeutung. Temperaturdifferenzen von vier bis fünf °C reichen bereits aus. Vergewissern Sie sich speziell bei Wetterwechseln regelmäßig, ob die Temperaturen im Stall stabil im Wohlfühlbereich der Tiere liegen.

Ferkel spielt mit Beschäftigungsmaterial in Bucht (© Deutsche Tiernahrung Cremer).

„Auf den Geschmack gekommen“ – Warum es so schwierig ist die Tiere vom Blut abzubringen

Der Geschmackssinn setzt sich aus sechs verschiedenen Qualitäten zusammen: süß, salzig, bitter, sauer, Umami (jap. wohlschmeckend, würzig) und Fett. Die Geschmacksrichtungen Umami, Fett, süß und salzig entsprechen hierbei den Grundnährstoffen der Schweine. Zugleich sind alle diese Komponenten im Blut enthalten. Sollen Schweine vom Blutgeschmack abgelenkt werden, muss die Alternative nährstoffreich und besonders schmackhaft zugleich sein. Hier kann bereits eine Zulage von Viehsalz eine Reduzierung des Geschehens bewirken.

Fazit

  • Kannibalismus ist eine verbreitete Verhaltensstörung bei Sauen, Ferkeln und Mastschweinen.
  • Aggressives, kannibalistisches Verhalten lässt sich unabhängig von der Art und Form der Haltung beobachten.
  • Die beiden Hauptformen des Kannibalismus sind zweistufiges Beißen und das plötzliche gewaltsame Beißen.
  • Kannibalismus ist ein multifaktorielles Problem. Prophylaktische Maßnahmen und solche, die einem akuten Befall entgegenwirken, setzen an verschiedenen Stellen zugleich an.
  • Eine ausreichende Beschäftigung der Schweine ist nicht weniger wichtig, wie eine Behandlung von Infektionen, ausreichend und qualitativ hochwertiges Wasser, einem guten Stallklima und einer bedarfsgerechten und hygienisch einwandfreien Fütterung.

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